Durch einen Zeitungsartikel wurde ich auf das Projekt Jute (Jugend trifft Erfahrung) aufmerksam. Es wurden engagierte Bürger gesucht, die Grundschüler in ihrer schulischen Laufbahn begleiten wollen. "Dies wäre eine verantwortungsvolle und sinnvolle Aufgabe für mich", sagte ich mir, und habe mich daher umgehend gemeldet.
Nach einigen Vorbereitungskursen wie z.B. "Lernen in der Grundschule", wurden wir an interessierte Grundschulen vermittelt. Und so lernte ich Anfang Dezember 2008 Sara kennen, ein siebenjähriges Mädchen aus Somalia. Sie war erst seit einem halben Jahr in Deutschland und beherrschte die deutsche Sprache unzureichend. Sara besucht die erste Klasse der Grundschule in Aachen-Eilendorf, Birkstraße.
Meine Aufgabe bestand nun darin, dem Kind die deutsche Sprache näher zu bringen, sowie Lesen und Mathe mit ihr zu üben, ergänzend zum Unterricht. Nachdem Sara alle Buchstaben kannte, begannen wir, kleinere Geschichten zu lesen. Dabei stellte sich heraus, dass sie sehr viele Wörter gar nicht kannte, die für uns selbstverständlich sind. So fragte sie z.B.: "Was ist Watte, was ist Gras oder eine Wiese." Mit den Begriffen: Meer, Strom, Schiffe usw. konnte sie auch nichts anfangen. Es macht mir sehr viel Freude, Sara die Bedeutungen zu erklären. Ich konnte feststellen, dass das Mädchen sehr wissbegierig, fleißig und aufgeschlossen ist. Bei den meisten Worterklärungen bemerkte ich jedoch, dass sie keine rechte Vorstellung von den Dingen hatte. Sie fragte Z.B.: "Wie sieht ein Bach aus?" Also gingen wir beide zu einem nahegelegenen Bach und beobachteten die Fließbewegung des Wassers. Folgerichtig fragte Sara dann auch: "Wo fließt das Wasser hin, und wo kommt es her."
Als wir über Tiere sprachen, merkte ich wiederum, dass Sara fast keines der beschriebenen Lebewesen kannte. Also fuhren wir beide zum Aachener Tierpark, natürlich nur mit Einwilligung der Eltern. Das war für Sara ein sehr schönes Erlebnis. Bei dieser Gelegenheit durfte Sara auf einem Pferd reiten. Das war immer schon ein Herzenswunsch von ihr gewesen. Eine Angestellte des Tierparks führte das Pferd durch ein eingezäuntes Areal.
Auch Blumen, Büsche und Bäume interessierten das Mädchen sehr. Deshalb nahmen wir gemeinsam in unserem Garten die Flora in Augenschein, denn man lernt am besten, wenn man selbst entdecken und fühlen kann. Zufällig beobachteten wir ein Eichhörnchen, wie es von Ast zu Ast sprang, Sie konnte also dieses Tier in voller Aktion beobachten, und gleichzeitig erkläre ich ihr den Unterschied zwischen einem Ast und einem Zweig.
Schwieriger wurde es bei der Bedeutung von Adjektiven wie z.B.: streng, hilflos, erstaunt oder enttäuscht. Aber auch das haben wir gemeinsam geschafft.
Aber sehr wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit Saras Klassenlehrerin, denn sie gibt mir wichtige Hinweise über Schwachpunkte, die während des Unterrichts auftreten. So kann ich gezielt mit dem Kind arbeiten. Wenn unsere gemeinsame Stunde zu Ende ist, würde das Mädchen noch gern weiter lernen. Aber auf der anderen Seite möchte man sie auch nicht überfordern, denn so eine Einzelbegleitung erfordert viel Konzentration von einer Schülerin.
Durch Fleiß und Ausdauer hat Sara in der Zwischenzeit gute Fortschritte gemacht. Sie kann bereits mehrere Seiten eines Buches lesen (bei einigen Wörtern hat sie noch Schwierigkeiten). Auch beherrscht sie die deutsche Sprache schon recht gut. Bei einigen Mathe-Aufgaben müssen wir noch gemeinsam üben.
Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass es mir bis heute viel Freude bereitet mit Sara zu arbeiten, denn zum einen kann man die kleinen Fortschritte beobachten, und zum anderen bekommt man auch viel von dem Kind zurück, wie Vertrauen, Freundlichkeit und Anhänglichkeit.
Gisela Brettschneider